Zwangsgedanken erkennen

Bevor ich wusste, dass meine Gedanken Zwangsgedanken sind, dachte ich schlicht weg ich sei verrückt. Ich hatte damals auch panische Angst davor den genauen Ablauf meiner Gedanken jemanden zu beschreiben und die brutalen Inhalte wiederzugeben. Ich habe mit vielen Psychotherapeuten und Psychiatern gesprochen – alle wussten, dass ich „ein Problem“ habe, aber niemand konnte mir eine klare Diagnose ausstellen. Dies liegt meiner Meinung nach nicht daran, dass die Personen unfähig waren oder ihren Job nicht anständig erledigten. Viel eher lag es an mir – ich konnte meine Gedanken nicht klar ausdrücken, ich konnte nicht beschreiben wie es mir geht und was ich fühle. In mir drinnen wusste ich es, aber es war mir unmöglich den genauen Inhalt der Gedanken auszudrücken. Dies liegt wie ich glaube vor allem daran, dass die Gedankengänge bei genauerer Betrachtung meist relativ sinnlos sind und uns Zwängerl selbst meist klar wird, dass sie absurd und nicht schlüssig sind.

Erst wie ich angefangen habe im Internet zu suchen, habe ich durch Einträge in Foren bemerkt, dass es auch anderen geht wie mir. Ich hörte damals zu ersten Mal von dem Begriff „Zwangsgedanken“ und wusste endlich, dass ich nicht die einzige Person bin, die von diesen störenden Gedankenmustern geplagt wird. Ich begann Bücher über dieses Thema zu lesen und erkannte, dass es so vielen Menschen gleich geht wie mir.

Ich glaube, dass besonders die Scham eine große Rolle spielt. Man schämt sich für das was man denkt und möchte es nicht sagen. Das Problem an der Sache ist aber, dass man sich nur helfen lassen oder sich selbst helfen kann, wenn man erkennt, dass es sich hier schlicht weg um eine Erkrankung handelt. Eine Erkrankung unter der sehr viele Menschen leiden – über die aber nur ungern gesprochen wird. Wir schämen uns dafür, wir haben Angst die anderen würden uns verurteilen.

Für mich war es unglaublich wichtig meine Gedanken auszusprechen. Verurteilt hat mich niemand – weder mein Partner, noch meine Therapeutin. Als besonders erleichternd habe ich es empfunden, dass mein Freund meinte, dass jeder Mal „komische Sachen“ denkt. Diese Aussage stimmt mit den Angaben in Büchern zu Zwangsgedanken überein. Es ist also normal abnormale Dinge zu denken. Es ist in normal auf einen Balkon zu stehen und darüber nachzudenken, was passieren würde, wenn ich runter springe. Wir Zwängerl bewerten diese Gedanken nur falsch. Bei uns gehen die Alarmglocken los – wir können diese Gedanken teilweise nicht mehr weiter ziehen lassen. Umso mehr uns ein Gedanke ängstigt, desto mehr Potential hat er sich festzusetzten.

Um mit Zwangsgedanken arbeiten zu können, halte ich es für wichtig zu verstehen wie sie funktionieren. Wichtig ist aber, dass dies kein Umkehrschluss ist. Nur weil ich verstehe wie ein Zwangsgedanke entsteht und funktioniert kann ich noch nicht automatisch damit arbeiten oder ihn gar die Macht nehmen. Trotzdem halte ich die beiden angeführten Schritte für unglaublich entscheidend:

  1. Zu erkennen, dass man Zwangsgedanken hat.
  2. Zu verstehen wie Zwangsgedanken funktionieren.
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besser ungezwungen

Ich habe mich gestern endlich dazu entschlossen meinen Zwangsgedanken ein Ende zu setzten. Ich möchte ein Leben frei von Zwangsgedanken leben, mein Glück nie wieder durch aggressive Gedanken einschränken lassen.

Meine erste Zwangsphase hatte ich mit sechzehn.Ich hatte damals unglaublich Angst mich selbst umzubringen. Damals habe ich mich mir gedacht, dass ich, wenn ich über Selbstmord nachdenke, mich wohl tatsächlich umbringen will. So absurd wie es sich für manche anhören mag  – wir Zwängerl wissen wie diese Abwärtsspirale funktioniert. Angst, Verzweiflung, Selbsthass – warum denke ich sowas? Ich muss es wohl wirklich wollen – sonst würde ich es nicht denken. So schlimm wie diese Gefühle und Gedanken sind, manchmal weiß man auch als Zwängerl, wie absurd das alles ist. Man weiß, dass eigentlich alles in Ordnung ist und man möchte einfach nur, dass diese Gedanken weggehen. Momentan bin ich meiner zweiten Zwangsphase. Ich habe mich dazu entschlossen, dass es meine letzte sein wird. Ich möchte mein Leben genießen, meine Kraft für die Tätigkeiten des Alltags aufbringen und nicht mehr wirren Gedankenkomplexen nachjagen.

Die Artikel dieses Blogs folgen meinen Weg der Heilung. Ich bin keine Psychotherapeutin, habe auch keine psychologische Ausbildung oder bin eine Expertin. Aber ich weiß was Zwangsgedanken sind, ich lebe mit ihnen und werde diese wenig erfüllende Beziehung beenden.Es gibt eine große Zwängerl-Community im Internet, es gibt viele Bücher die Zwangsgedanken und Zwangshandlungen beschreiben. Natürlich werde ich auf meinem Blog auch darüber schreiben wie Zwangsgedanken funktionieren, wie sie entstehen, wie sie sich anfühlen und so weiter. Hauptsächlich möchte ich aber versuchen meinen Weg der Heilung zu beschreiben. Ich möchte den Gedanken absolut keine Macht mehr über mich geben und ein völlig autonomer Mensch zu werden. Ich werde verschiedene Dinge ausprobieren, sie beschreiben und erklären wie und ob sie mir geholfen haben. Ich hoffe, dass sich manche von euch anschließen und wir gemeinsam den Zwangsgedanken- und Handlungen keine Macht mehr geben.